img_794999_optViele Menschen wollen in dem Bereich arbeiten – auch Menschen mit Migrationsgeschichte. Doch wer einen Job möchte, muss zunächst eine anspruchsvolle Sachkundeprüfung bestehen. In Bielefeld haben die Sprachschule der AWO und die Akademie für Weiterbildung (AfW) ein Modellprojekt ins Leben gerufen: einen besonderen Prüfungsvorbereitungskurs, bei dem der Umgang mit Fachsprache im Mittelpunkt steht.

„Was ist eine ‚verbotene Eigenmacht‘ nach § 858 BGB?“ „Was ist der Unterschied zwischen einer Putativnotwehr und einem Notwehrexzess?“ „Was ist ein Widerstandszeitwert und welche Aufgabe hat eine NSL?“ Es sind Fragen wie diese, die in einer besonderen Prüfung der IHK auftauchen können. Seit 2003 ist für bestimmte sicherheitsrelevante Tätigkeiten eine Sachkundeprüfung nach §34a Gewerbeordnung vorgeschrieben, die Interessierte vor der Aufnahme der Tätigkeit ablegen müssen. Wer zum Beispiel bei einer City-Streife, als Einzelhandelsdetektiv oder Türsteher an Diskotheken arbeiten möchte, muss zunächst die Sachkundeprüfung bestehen – die Eintrittskarte für eine berufliche Laufbahn in der Sicherheitsbranche.

Die Prüfer haben die Qual der Wahl. Rund 6.000 Fragen aus unterschiedlichen Sachgebieten können bei der schriftlichen Prüfung vorkommen – bei der mündlichen Prüfung steht ein konkreter Fall mit diversen  Fragestellungen im Mittelpunkt. Das Recht der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ist ebenso Prüfungsthema wie das Bürgerliche Gesetzbuch, Strafrecht oder der Umgang mit Menschen.

Dass solche Fragen für Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, besonders schwierig sind, weiß Michael Nolting von der Akademie für Weiterbildung (AfW) in Bielefeld aus Erfahrung. Die AfW bietet seit Jahren verschiedene Sicherheitskurse an, darunter auch Vorbereitungskurse für die vorgeschriebene Sachkundeprüfung. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche Kursteilnehmer nicht aufgrund mangelnder Eignung an der Prüfung gescheitert sind, sondern weil sie Probleme mit der mitunter komplexen Fachsprache hatten“, berichtet er. Juristische Formulierungen können bei Prüfungen missverstanden werden, wenn zum Beispiel eine Frage mit doppelter Verneinung aufwartet.

 

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„Die Polizisten im Fernsehen reden anders“

Die Sicherheitsbranche wächst. Ein Grund dafür sind gestiegene Sicherheitsauflagen für Veranstaltungen nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg. Sicherheitsfirmen suchen qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Unter den Menschen, die sich für einen Job in diesem Bereich interessieren, sind auch viele mit Migrationshintergrund“, sagt Michael Nolting. Damit diese Menschen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, hat die Akademie für Weiterbildung in enger Abstimmung mit der Sprachschule der Arbeiterwohlfahrt ein Modellprojekt ins Leben gerufen: einen Sprachkurs als zusätzliche Unterstützung für den Prüfungsvorbereitungskurs. Finanziert wird die Maßnahme über Bildungsgutscheine vom Jobcenter Bielefeld.

Zwölf Wochen hat eine Gruppe von zehn Männern und einer Frau einen Sprachkurs in den Räumlichkeiten der Bielefelder AWO besucht. Im direkten Anschluss hat der ebenfalls zwölfwöchige Kurs bei der AfW begonnen. Ende des Jahres folgt die Prüfung bei der IHK.

Das Programm des Sprachkurses ist ambitioniert. An fünf Tagen in der Woche stehen verschiedene Themen auf dem Stundenplan. Mehrere Sprachlehrer haben den Kurs betreut, jeder hat seinen eigenen Schwerpunkt von Kommunikationstechnik und Lernstrategien bis zu Sicherheitstechnik und Bürgerlichen Gesetzbuch. Sämtliche Inhalte waren auf die Sachkundeprüfung zugeschnitten.

Die Teilnehmer sind aus dem Irak, Indien, Griechenland, Syrien, Litauen oder Serbien nach Deutschland gekommen. Einige haben bereits in ihrer Heimat im Sicherheitsbereich gearbeitet. Manche leben bereits seit mehreren Jahren hier und verfügen über gute Sprachkenntnisse, andere tun sich noch schwerer. Im Kurs lernen sie nun Feinheiten der Alltagssprache, vor allem aber die Besonderheiten der Fachsprache im Sicherheitsgewerbe fordern höchste Aufmerksamkeit. Es geht um ausführliche Gesetzestexte und ausufernde Sicherheitsvorschriften, um Synonyme und das Verständnis von Komposita.

„Die Prüfung ist schwerer Stoff“, erklärt ein Teilnehmer. Seine Sitznachbarn nicken. „Viele Wörter habe ich noch nie vorher gehört“, sagt einer. „Die Polizisten im Fernsehen reden ganz anders.“ Die Kursteilnehmer erzählen von neu erlernten Begriffen. Als ein Teilnehmer am Ende des Kurses aus Spaß ein Wörterbuch des Sprachlehrers in seinen Rucksack steckt, rufen sie lachend: „Diebstahl! Unterschlagung! Vergehen!“ Für das Engagement des Lehrers haben die Kursteilnehmer viel Lob – vor allem dafür, dass er sich die Zeit nimmt, individuell auf sie einzugehen.

Am Ende des Tages schreibt der Kursleiter einige Übungsfragen an die Tafel. Die mündliche Prüfung soll simuliert werden. „Was ist der Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Recht?“, steht da zum Beispiel. „Bei dem einen geht es um das Recht zwischen Staat und Bürger, bei dem anderen zwischen Bürger und Bürger“, antwortet ein Teilnehmer. Der Sprachlehrer schreibt es an die Tafel. Ein anderer Kursteilnehmer steht auf, um mit seinem Smartphone ein Foto von dem Tafelbild zu machen. „Ich möchte es später noch mit meiner Tochter lernen“, erklärt er.

Das Lernen hört nicht mit dem Ende des Sprachkurses auf. Erste Lehren aus dem Modellprojekt haben die Sprachschule der AWO und die Akademie für Weiterbildung schon gezogen. So sollen Fach- und Sprachlehrer künftig noch enger zusammenarbeiten. Der nächste Sprachkurs ist bereits in Planung. Er soll im Winter beginnen.